Wenn über dem Spielen ein Schatten liegt:

Das Jugendamt Kevelaer hilft, um Kinder vor Gewalt und Vernachlässigung in Familien zu schützen. Die Experten-Teams sind gründlich geschult und suchen den direkten Draht zur Familie.

Von Nachbarn, vom Kinderarzt, von Lehrern und Erzieherinnen – aber auch von der Polizei und von Spielgefährten: Hinweise darauf, dass eine Familie in Schieflage geraten ist, gibt es von vielen Seiten.

Dank des durchgängigen Bereitschaftsdienstes sind die „SOS-Antennen“ des Jugendamtes an sieben Wochentagen rund um die Uhr auf Empfang. Insgesamt 85 Mal ist das Jugendamt in Kevelaer im vergangenen Jahr gezielt solchen Hinweisen nachgegangen. Hinsehen, handeln und helfen, so das Motto. Dabei stellt das Jugendamt immer das Wohl des Kindes, sein Recht auf Unversehrtheit, auf Wachsen und Gedeihen in den Mittelpunkt. Nicht weniger verlangt das sogenannte Wächteramt, ein in der Bundesrepublik Deutschland hoch angesiedelter gesetzlicher Auftrag.

„Wird ein Kind von den Eltern vernachlässigt? Muss es zu Hause Gewalt oder Misshandlung fürchten? Gibt es sexuelle Übergriffe? Das sind zentrale Fragen, wenn wir einschätzen müssen, ob ein Kind oder ein Jugendlicher akut gefährdet ist“, sagt Birgit Pauli-Heijnen, die die Pädagogischen Dienste des Jugendamtes in Kevelaer leitet und selbst auch über Jahrzehnte Basisarbeit im Allgemeinen Sozialdienst ASD durchführte.

„Im Ernstfall rufen die beim Jugendamt tätigen Pädagogen eine oder auch mehrere Fachteamkonferenzen ein, sammeln alle wichtigen Fakten und überlegen: Wie brenzlig ist die Situation? Was ist zu tun, damit Kinder und Eltern nicht überfordert werden und erscheint die Einschränkung von Elternwille und Elternrecht per Gerichtsbeschluss unumgänglich?

In jedem Fall gehe das Jugendamt jedem, auch anonymen Hinweis nach und bemühe sich um einen direkten Draht zur Familie. Wenn nötig, stünden sie (auch nachts) unangemeldet vor der Tür. „Wir müssen uns die Lage immer ganz konkret vor Ort ansehen“, sagt Birgit Pauli-Heijnen, „im Notfall mit Unterstützung von Ordnungsamt und Polizei!“

Wichtig dabei ist, dass viele Augen auf die Situation in einer Familie schauen und dabei, wenn irgendwie möglich auch deren häufig komplexes Beziehungsnetzwerk, wie etwa Großeltern, mit einbeziehen“, erläutert die Sozialpädagogin.

Schließlich komme es darauf an, sich ein umfassendes und differenziertes Bild zu machen. Am Ende entscheide das Team, welche Richtung eingeschlagen wird.
Neun Mal deckten die Experten in Kevelaer im vergangenen Jahr konkrete Fälle von Vernachlässigung in der Familie auf. Zwei Mal erkannten sie psychische Misshandlungen. Anzeichen für unmittelbare sexuelle Gewalt sahen die Jugendamtsmitarbeiter nur bei einem Fall. Etwa ein Drittel der Meldungen lösten sich als sogenannte ‚Fehlanzeige‘ auf. Missverständnisse oder aber auch Retourkutschen als Resultat von z. B. Nachbarschaftsstreitigkeiten ließen dann Bürger zum Telefon greifen.

In allen anderen Fällen fanden die Jugendamtsmitarbeiter offene Türen vor. Häufig wurden Eltern – nicht selten alleinerziehend – angetroffen, die sich mehr oder weniger rat- und hilflos in mittlerweile eskalierenden Konflikten mit ihren Kindern befanden, bislang aber noch nicht den Mut gefunden hatten, sich aus eigenem Antrieb hilfesuchend an das Jugendamt zu wenden.

Bei akuter Gefahr schlage das Jugendamt sofort Alarm, so Birgit Pauli-Heijnen. Alle Räder müssten dann schnell ineinander greifen. Für jede Familie werde rasch eine individuelle Lösung gesucht. „Manchmal reicht den Eltern schon eine Sozialpädagogische Familienhilfe SPFH, die ihnen zeigt, wie man sich besser um sein Kind kümmert: Frühstück machen, aufräumen, in die Schule bringen, emotionale Zuwendung, Kinder im Alltag unterstützen und fördern, gemeinsame Freizeitgestaltung, Rituale und Regeln einführen… .“

Grundbausteine für gelingendes Wachsen, die vielen besonders jungen Eltern aufgrund ihrer eigenen von Mängeln gespickten Biografie nicht mehr zur Verfügung stehen und neu verstanden und erlernt werden müssen.

Bei schwerwiegenden Fällen, beim Bedarf von stationärer Diagnostik und insbesondere bei fehlender Kooperationsbereitschaft der Eltern, ziehe das Jugendamt aber auch die Notbremse, hole das Kind – in der Regel zunächst vorübergehend – aus der Familie heraus und vermittle es in eine Jugendhilfeeinrichtung, eine Bereitschaftsstelle oder in eine ausgewählte Pflegefamilie. Das Gesetz spricht hier von einer sogenannten Inobhutnahme.

„So etwas ist nie leicht und das absolut letzte Mittel“, sagt Birgit Pauli-Heijnen. Ein „Balance-Akt, der eine Abwägung zwischen dem Wohl des Kindes und dem Recht der Eltern auf Erziehung fordert und „ …der auch den Mitarbeitern in der Regel lange ‚in den Knochen steckt‘.“

Das Jugendamt gehe also keineswegs nach „Gutdünken“ vor, macht die Abteilungsleiterin deutlich. Längerfristig eingreifen könne sowieso nur das Familiengericht, welches das Jugendamt dann binnen 24 Stunden einschalten müsse, wenn sich Eltern gegen jede Hilfe sperrten.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, setzt auch das Jugendamt in Kevelaer von vornherein auf Prävention: „Persönliche Beratungsgespräche, ambulante Hilfen in der Familie und Elterntrainings sollen Eltern dabei unterstützen, gut für ihre Kinder zu sorgen – damit es erst gar nicht knallt und die Situation nicht eskaliert“, so Pauli-Heijnen.

Erfreulicherweise sei in diesem Zusammenhang im Laufe der letzten Jahre bei der Mehrheit der in solchen Fällen oftmals die Kindeseltern vertretenden Rechtsanwälte ein Umdenken zu verzeichnen. Der Grundsatz ‚Elternrecht vor Kinderrecht‘ weiche zunehmend Bemühungen um einen Dialog auf Augenhöhe im Vorfeld gerichtlicher Auseinandersetzungen. Dies führe in aller Regel nicht nur zu guten und tragbaren Lösungen für alle Beteiligten, sondern erspare insbesondere den betroffenen Kindern belastende Anhörungen und zeitraubende Begutachtungen.

Die pädagogischen Dienste des Jugendamtes Kevelaer sind am Hoogeweg 71 angesiedelt und während der Regelöffnungszeiten unter der Rufnummer 02832-122606 erreichbar. Der Kontakt zum Bereitschaftsdienst des Jugendamtes erfolgt über einen Anruf bei der Polizei.